Auswahlguide · Zuletzt aktualisiert: 31. August 2026

Worauf ihr bei der Wahl eines Anbieters für physische Pentests wirklich achten solltet

Physische Penetrationstests sind noch schwächer standardisiert als Cyber-Pentests. Dieser Guide zeigt, woran ihr einen seriösen Anbieter erkennt – von der Multi-Vektor-Pflicht über die Rechtslage nach § 123 StGB bis zur Preisorientierung.

11 Auswahlkriterien Rechtlicher Rahmen (DE) Mit Quellenangaben
Kurz gesagt

Ein seriöser physischer Pentest testet mehrere Eingänge und Techniken über einen Zeitraum – nicht nur einen einzigen Versuch. Bevor ihr überhaupt ein Angebot einholt, müsst ihr zwei Weichen stellen: Pentest (verdeckt) oder Audit (offen), und welches Objective getestet wird – Datenzugriff oder Warenschutz. Ohne schriftliches Autorisierungsdokument mit 24/7-Notfallkontakt sollte kein Test stattfinden.

Vor dem ersten Angebot

Zwei Weichen, die ihr selbst stellen müsst

Diese zwei Entscheidungen bestimmen Scope, Preis und die passende Anbieterauswahl – und sollten feststehen, bevor ihr überhaupt anfragt.

Format
Pentest (covert)

Verdeckt, realistische Angreifer-Simulation. Ziel: unentdeckt eindringen. Teurer, aber aussagekräftiger für die tatsächliche Alltagssicherheit.

Audit (overt)

Offen, vollständige Schwachstellen-Dokumentation ohne Tarnung. Günstiger, geringeres Risiko, aber weniger realistisch.

Objective
Daten / IP

Serverraum, CEO-Büro, Konferenzraum zum Verwanzen, ein eingeloggter Arbeitsplatzrechner.

Waren / Merchandise

Juwelier, Spedition, Lager, Einzelhandelsfläche.

Ablauf

So läuft ein seriöser physischer Pentest ab

Sechs Phasen, in denen die Recon regelmäßig mehr Zeit beansprucht als der eigentliche Testversuch.

01

Scoping & Pre-Engagement

Ziele, No-Go-Zonen, erlaubte Techniken, Testzeiten, destructive vs. non-destructive, Autorisierung, Notfallkontakte.

02

Reconnaissance

OSINT plus Onsite-Surveillance über mehrere Tage: Grundrisse, Schichtpläne, Zugangssysteme, Kamerapositionen, Traffic-Patterns.

03

Pretext-Entwicklung & Vorbereitung

Equipment, Ausweise und Szenarien für die geplanten Testversuche werden vorbereitet.

04

Mehrere Testversuche über mehrere Vektoren

Verschiedene Eingänge, verschiedene Techniken, ein Spektrum von covert bis overt – nicht ein einzelner Versuch.

05

Zielerreichung

Zugriff auf das definierte Objective, Foothold im internen Netz, ggf. Covert-Device-Placement.

06

Debriefing & Report

Jeder Versuch wird dokumentiert – auch gescheiterte –, mit Fotos, Videos und Zeitstempeln.

Die Kriterien

11 Punkte, auf die es wirklich ankommt

Zusammengefasst aus OSSTMM, PTES, ISACA und der Praxis physischer Red-Team-Anbieter.

Mehrfach-Vektor-Testing statt Ein-Versuch

Nicht verhandelbar

Red Teaming bedeutet per Definition, mehrere Angriffsvektoren gleichzeitig zu nutzen. So prüft ihr das: Fragt, wie viele unterschiedliche Eingänge und Techniken getestet werden und ob auch fehlgeschlagene Versuche dokumentiert werden. Ein Anbieter, der nur einen Versuch beschreibt, verkauft Break-in-Theater statt eines belastbaren Assessments.

Umfang und Qualität der Recon-Phase

Nicht verhandelbar

PTES fordert Onsite-Recon über mehrere Tage, um Muster zu erkennen. So prüft ihr das: Fragt, wie viele Tage Onsite-Recon geplant sind und welches Recon-Deliverable geliefert wird – Fotos, Schichtpläne, Zugangsmuster.

Rechtssichere Autorisierung

Nicht verhandelbar

Ein schriftliches Autorisierungsdokument, unterschrieben von vertretungsberechtigter Person, mit 24/7-Notfallkontakt und Eskalationsprozess ist zwingend – nicht optional. So prüft ihr das: Verlangt das Dokument vor Testbeginn und prüft, ob eine 24/7-Kontaktkette existiert.

Klare Trennung: Pentest (covert) vs. Audit (overt)

Der Anbieter muss beide Formate kennen und im Angebot begründen, welches zu eurem Bedarf passt. So prüft ihr das: Fragt explizit, ob verdeckt oder offen getestet wird und warum.

Objective-Definition vor Testbeginn

Ohne definiertes Ziel lässt sich ein Testerfolg nicht bewerten. So prüft ihr das: Klärt vorab, was das Objective ist – Serverraum, CEO-Büro, Konferenzraum, Warenlager.

Versicherung für Sachschäden

Bei destructive Testing (z. B. Aufbrechen von Schlössern) reicht eine klassische Cyber-Haftpflicht nicht aus. So prüft ihr das: Fragt nach einer gesonderten Sachschadenversicherung, wenn destructive Techniken vereinbart sind.

Faire Debriefing-Kultur

Getestete Mitarbeitende sollen lernen, nicht bloßgestellt werden. So prüft ihr das: Fragt, wie das Debriefing mit betroffenen Mitarbeitenden abläuft und ob Einzelne namentlich im Bericht auftauchen.

DSGVO-Konzept für Foto- und Videomaterial

Aufnahmen von Mitarbeitenden sind personenbezogene Daten. So prüft ihr das: Fragt nach Datenminimierung, sicherer Speicherung und Löschung nach Übergabe des Berichts.

Betriebsrats-Mitbestimmung geklärt

Bei gezieltem Testen von Mitarbeiterverhalten kann § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG greifen. So prüft ihr das: Klärt vorab mit eurem Betriebsrat, ob eine Verschwiegenheitsregelung für die Testlaufzeit nötig ist.

Nachweisbarer physischer Track Record

Cyber-Pentest-Erfahrung sagt wenig über physische Fähigkeiten aus. So prüft ihr das: Verlangt Referenzen speziell für physische Assessments, nicht nur für Netzwerk- oder Web-Pentests.

Reporting-Qualität

Jeder Testversuch gehört dokumentiert, nicht nur der erfolgreiche. So prüft ihr das: Verlangt Fotos, Videos und Zeitstempel zu jedem Versuch sowie priorisierte Handlungsempfehlungen.

Zertifizierungen einordnen

Wer in der Szene tatsächlich zählt

Der Bereich ist deutlich schwächer zertifiziert-standardisiert als Cyber-Pentesting. Praktischer Track Record bei diesen vier Trainings- und Community-Anbietern zählt mehr als ein formales Management-Zertifikat.

Praxis-Community

Auszug, nicht abschließend – weitere Anbieter mit vergleichbaren Konzepten existieren. Diese vier haben sich in der Community am stärksten etabliert.

01

Social-Engineer, LLC

Chris Hadnagy PASE – Practical Application of Social Engineering (inkl. CESE-Zertifizierung)

Das erste hands-on Social-Engineering-Framework der Branche. PASE ist ein mehrtägiger Praxiskurs mit Übungen und Hausaufgaben, inklusive kostenlosem Zugang zur CESE-Prüfung (Certified Ethical Social Engineer) – kein Multiple-Choice-Test.

02

Red Team Alliance

Training & Zertifizierung für Red Teamer und physische Pentester

Gilt in der Community als Platin-Standard für praxisnahe Red-Team- und Physical-Security-Ausbildung – breiter aufgestellt als reine Lockpicking-Kurse.

03

Covert Access Team

CAT (Covert Access Training) · PACT (Physical Audit Certification Training)

Fünftägiges Präsenztraining zu Alarmumgehung, Badge-Cloning, Zutrittskontrollsystemen, Lockpicking und Key Impressioning – geleitet von aktiven Praktikern.

04

Red Teamers Academy

Covert Entry & Physical Red Team Courses

Praxiskurse europäischer Red-Team-Operator zu Schloss-/Tür-/Fenster-Bypass, PACS-/Badge-Systemen und OSINT-gestütztem Pretexting.

Formal, aber ergänzend
ASIS CPP · ASIS PSP · ASIS PCI

Anerkannte Management- bzw. Assessment-Zertifikate mit mehrjähriger Erfahrungsvoraussetzung – belegen eher Sicherheitsmanagement-Kompetenz als aktuelle Feld-Skills.

TSCM

Relevant, wenn Bugging bzw. das Sweepen von Konferenzräumen Teil des Angebots ist. Keine einheitliche Zertifizierung, überwiegend private Trainingsanbieter.

Hinweis: Cyber-Zertifikate wie OSCP sagen wenig über physische Kernkompetenz aus – nur relevant, wenn physischer Zugang gezielt in einen Netzwerk-Foothold übergeht.

Warnsignale

9 Red Flags bei der Anbieterwahl

Keines dieser Signale ist für sich allein ein K.-o.-Kriterium – in Kombination lohnt sich aber genaues Nachfragen.

Ein-Versuch-Engagement ohne mehrere Vektoren – „wir sind einmal reingekommen, fertig“ ist das häufigste Zeichen für Unseriosität.

Fehlende oder oberflächliche Recon-Phase – kein Onsite-Surveillance, kein Recon-Deliverable.

Keine Trennung zwischen Pentest und Audit im Angebot – der Anbieter kann nicht erklären, ob verdeckt oder offen getestet wird.

Kein schriftliches Autorisierungsdokument und keine 24/7-Notfallkontaktkette – juristisch und operativ inakzeptabel.

Unklare Regelung von destructive vs. non-destructive Testing.

Fehlende Objective-Definition vor Testbeginn.

Unprofessioneller, bloßstellender Umgang mit getestetem Personal – kein strukturiertes Debriefing.

Verkauf von reinem „Break-in-Theater“ statt eines belastbaren, wiederholbaren Assessments.

Auffällig niedriger Preis – oft nur ein Testtag, ein Versuch, kein belastbarer Report.

Preisrahmen

Was ein physischer Pentest realistisch kostet (DACH, 2025/2026)

Orientierungswerte aus allgemeinen Pentest- und Social-Engineering-Kostenübersichten – kein DACH-Anbieter veröffentlicht separate Fixpreise nur für physische Pentests.

Tagessatz zertifizierter Pentesterca. 1.000 – 2.000 €
Gesamtprojekt (KMU, Deutschland)ca. 3.000 – 12.000 €
Social-Engineering-Pentest (inkl. physisch)ca. 2.000 – 18.000 €
Komplexes Red-Team-Engagementab ca. 30.000 €
Covert-Entry-Assessment (international, Referenz USA)ab ca. 32.000 USD

Internationale Zahlen sind US-Marktpreise (Schellman) und nur als grobe Orientierung zu verstehen. Manche DACH-Quellen sind Anbieter-Eigenpublikationen – als Orientierung, nicht als verbindliches Angebot zu lesen.

Rechtlicher Rahmen

Was in Deutschland zwingend geregelt sein muss

Physische Pentests berühren geltendes Strafrecht, Datenschutz und Mitbestimmung – diese fünf Punkte sind keine Kür.

FAQ

Häufige Fragen zu physischen Pentests

Die Recon-Phase macht regelmäßig den größeren Aufwand aus. PTES empfiehlt mindestens 2–3 Tage Onsite-Beobachtung, um verlässliche Muster zu erkennen – Zugangszeiten, Schichtwechsel, Kamerapositionen.

Die meisten seriösen Anbieter arbeiten non-destructive: Keine Schlösser werden beschädigt, keine Türen aufgebrochen – alles bleibt reversibel. Destructive Testing muss gesondert im Scope geregelt und über eine Sachschadenversicherung abgesichert sein.

Genau dafür existiert das schriftliche Autorisierungsdokument mit 24/7-Notfallkontakt. Ein bekannter Fall (Coalfire, Iowa 2019) zeigt aber: Selbst mit einem solchen Dokument kam es zu Festnahmen – klare Eskalationsketten und ein erreichbarer Ansprechpartner sind entscheidend.

Physische Sicherheit ist deutlich schwächer standardisiert zertifiziert als Cyber-Pentesting. ASIS CPP/PSP sind die stärksten Nachweise für physische Security-Kompetenz, sagen aber wenig über Social-Engineering-Fähigkeiten aus. Verlasst euch stärker auf demonstrierten Track Record und Referenzen als auf ein einzelnes Zertifikat.

Bei reinen Social-Engineering-Tests ist die Mitbestimmungslage umstritten, aber tendenziell nicht einschlägig. Sobald technische Einrichtungen das Verhalten von Mitarbeitenden auswerten könnten (z. B. ob jemand einen USB-Stick einsteckt), kann § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG greifen. Eine frühzeitige Abstimmung ist in jedem Fall ratsam.

Für reine ISO-27001-Nachweisführung nach Annex A.7 genügt meist ein overtes Audit – günstiger und mit vollständigerer Dokumentation. Geht es um realistische Angreifer-Resilienz, ist ein covertes Multi-Vektor-Engagement angemessener.

Physischen Pentest planen?

Wenn ihr Objective und Format schon grob im Kopf habt oder erst noch Fragen zur Auswahl klären wollt – sprecht uns unverbindlich an.

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Quellenverzeichnis

Worauf dieser Guide basiert

Zusammengestellt aus öffentlich zugänglichen Fachquellen und Frameworks. Wo möglich, verlinken wir auf Primärquellen statt auf Wettbewerber-Blogs.

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