0%
ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT

Täuschend echt mit Deepfakes! Technischer Blick hinter die Kulissen

Täuschend echt mit Deepfakes! Technischer Blick hinter die Kulissen
Täuschend echt mit Deepfakes! Technischer Blick hinter die Kulissen – Access Granted

Wenige Sekunden Sprachaufnahme. Ein einziges Foto. Mehr braucht es heute nicht mehr, um eine Stimme oder ein Gesicht täuschend echt zu klonen.

Mai 2024: Der CEO der Werbeholding WPP, Mark Read, wird zum Ziel eines KI-generierten Stimmklons seiner eigenen Person – Betrüger versuchen, mit seiner geklonten Stimme und einem gefälschten Video-Call Kollegen zu täuschen.

Januar 2024: Beim britischen Design- und Ingenieurkonzern Arup führt ein hochmoderner Video-Vishing-Angriff dazu, dass ein Mitarbeiter in einer gefälschten Videokonferenz mit vermeintlichen Führungskräften angewiesen wird, Gelder zu überweisen.

Juni 2026: Beim IT-Dienstleister MSG kommt es nach einem Vishing-Angriff zu einem Datenleck von 26 Millionen Datensätzen.

Drei völlig unterschiedliche Unternehmen, drei völlig unterschiedliche Branchen – ein gemeinsamer Nenner: Deepfake-Technologie, eingesetzt als Werkzeug für Social Engineering. Vishing ist damit längst kein simpler Telefonanruf mehr, sondern im Zeitalter generativer KI eine der wirkungsvollsten Angriffsflächen überhaupt – und die Zahlen bestätigen, wie schnell sich das entwickelt.

0,1 → 6,5%
Anteil von Deepfakes an Betrugsversuchen, Anstieg in drei Jahren
Alle 5 Min.
Ein Deepfake-Angriff irgendwo auf der Welt, im Durchschnitt 2024
+53%
Wachstum bei Deepfake-Vorfällen in Deutschland, 2025
0,1%
Menschen, die alle Deepfake-Typen zuverlässig erkennen

Diese Zahlen werfen zwei zentrale Fragen auf, denen wir in diesem Artikel praktisch und technisch nachgehen: Wie niedrig ist die Einstiegshürde für Angreifer wirklich – und wie funktionieren Deepfakes unter der Haube? Um das zu beantworten, haben wir keine Statistik zitiert, sondern selbst einen Deepfake erstellt.

Was sind Deepfakes eigentlich?

Der Begriff setzt sich aus Deep Learning und Fake zusammen. Gemeint ist damit generiertes Video-, Bild- oder Audiomaterial, das menschliche Gesichter oder Stimmen mithilfe von KI so manipuliert, dass eine Person durch eine andere ersetzt oder täuschend echt simuliert wird – optisch wie akustisch kaum vom Original zu unterscheiden.

Die Technologie selbst ist neutral. Erst die Anwendung entscheidet, ob daraus Nutzen oder Schaden entsteht:

Sinnvolle Anwendung
Nutzen
Kreativ · Medizinisch · Technisch
Fotobearbeitung und kreative Postproduktion
Verstorbene Schauspieler nachträglich in Filme einbinden
Perfekte Synchronisation von Filmen in andere Sprachen
Stimmenwiederherstellung für Menschen, die ihre Stimme durch Krankheit verloren haben
Missbräuchliche Anwendung
Schaden
Betrug · Manipulation · Vertrauensverlust
Betrug und Cyberkriminalität, z.B. per Vishing
Mobbing und gezielte Diffamierung Einzelner
Politische Manipulation und Desinformation
Verlust gesellschaftlichen Vertrauens, z.B. bei Beweismitteln vor Gericht

Dieselbe Technologie, die einer Person ihre eigene Stimme zurückgibt, kann in den falschen Händen genutzt werden, um sich als jemand anderes auszugeben. Der Unterschied liegt nicht im Werkzeug, sondern in der Absicht dahinter.

Bild, Audio oder Video – was für ein Deepfake soll es sein?

Bevor ein Deepfake entsteht, steht eine simple Entscheidung: Welches Medium soll manipuliert werden? Die drei gängigen Kategorien unterscheiden sich stark im Aufwand und im benötigten Ausgangsmaterial.

01
Bilder – Face Swap & statisches Bildmaterial
Ein eigenes Foto wird aufgenommen und das eigene Gesicht per KI gegen das Gesicht einer anderen Person, z.B. einer berühmten Person, ausgetauscht. Benötigt wird dafür lediglich ein Bild von sich selbst und ein Bild der Person, mit der das Gesicht getauscht werden soll.
02
Audio – Voice Cloning & Text-to-Speech
Ein beliebiger Text wird eingegeben, eine geklonte Stimme ausgewählt, und das Modell liest den Text in dieser Stimme vor. Voice Cloning erzeugt dabei ein Replikat der Stimme einer realen Person – 3 bis 10 Sekunden sauberer Sprachaufnahme reichen mittlerweile aus, alternativ lassen sich auch vorgefertigte Stimmmodelle nutzen.
03
Video – Lip-Sync aus Bild & Audio
Kombination aus geklonter Stimme und einem Bild oder Video, dessen Mundbewegungen auf das neue Audio synchronisiert werden. Ergebnis: ein bewegtes, sprechendes Abbild einer Person, die das Gesagte nie geäußert hat – technisch der aufwendigste, aber wirkungsvollste Deepfake-Typ.

Selbst gemacht: Wie leicht ist ein Deepfake wirklich?

Um die Einstiegshürde ehrlich zu bewerten, haben wir keinen Bericht zitiert, sondern selbst Hand angelegt. Ziel: ein kurzes Video, in dem der britische Schauspieler Tom Holland – bekannt für seine Hauptrolle als Spider-Man – etwas sagt, das er nie gesagt hat. Verwendet wurde dafür die Plattform ElevenLabs.

01
Stimme klonen & Audio generieren
Als Ausgangsmaterial diente ein öffentlich auf YouTube verfügbares Interview, gekürzt auf rund eine Minute gesprochenen Inhalts. Mit ElevenLabs wurde daraus ein Stimmmodell der Zielperson angelegt und per Text-to-Speech ein beliebiger, frei formulierter Text in dieser Stimme erzeugt.
02
Videomaterial & Lip-Sync
Ergänzend wurde ein gut auflösendes Foto der Zielperson aus dem Internet beschafft. Über die Funktion „Image & Video" von ElevenLabs wurde mit einem Lip-Sync-Avatar-Modell (HeyGen Avatar 4) das Foto mit der zuvor erstellten Audiospur zu einem sprechenden Video zusammengeführt.

Das generierte Skript für den Demo-Clip war bewusst so formuliert, dass die Fälschung sich am Ende selbst enttarnt:

Skript // Generierter Demo-Clip „Hey there! Welcome to New York! ... Well, actually, I'm not really there. And to be honest: I'm not even real! This entire video was generated by the tech team at Access Granted using AI voice cloning and lip-sync tools. Pretty mind-blowing, right!?"
???? Audio-Endergebnis (Voice Clone)
???? Video mit Lip-Sync und Ton

Der gesamte Prozess – von der Sprachaufnahme bis zum fertigen, sprechenden Video – ließ sich mit frei zugänglichen Werkzeugen und ohne technisches Spezialwissen umsetzen. Genau das ist die eigentliche Erkenntnis: Die Hürde liegt heute nicht mehr in der Technik, sondern höchstens noch im Preis.

Wie ein klassischer Deepfake technisch entsteht

Unter der Haube der einfachen Nutzeroberfläche steckt ein mehrstufiger Prozess aus Computer Vision und neuronalen Netzen. Am Beispiel des klassischen Face-Swapping lässt sich das in vier Schritte zerlegen.

01
Extraktion und Datentrennung
Gesichtserkennungs-Algorithmen wie MTCNN oder RetinaFace scannen jedes Einzelbild eines Videos und lokalisieren Gesichter. Über Landmark Tracking werden Augen, Nase und Mundwinkel markiert, das Gesicht isoliert, skaliert und ausgerichtet. Am Ende entstehen zwei Datensätze: Person A (Quelle, deren Gesicht gezeigt werden soll) und Person B (Ziel, deren Gesicht im Originalvideo ersetzt wird).
02
Training: Shared Encoder & Dual Decoder
Der Kern der klassischen Deepfake-Architektur besteht aus drei Komponenten: einem gemeinsamen Encoder, der die Gesichtsdaten beider Personen in einen abstrakten mathematischen Vektor (Latent Space) komprimiert – unabhängig von der Identität, aber mit Blickrichtung, Kopfneigung und Mundöffnung – sowie zwei separaten Decodern, die jeweils nur lernen, aus diesem Latent Space das Gesicht von Person A bzw. Person B zu rekonstruieren.
03
Der Swap: Generierung
Für den eigentlichen Tausch wird ein Bild von Person B durch den gemeinsamen Encoder geschickt, der die aktuelle Mimik und Position ermittelt. Dieses Ergebnis wird an Decoder A übergeben – der daraufhin das Gesicht von Person A erzeugt, allerdings mit exakt der Mimik, Blickrichtung und Kopfhaltung von Person B.
04
Post-Processing & Compositing
Damit das eingefügte Gesicht nicht wie eine aufgesetzte Maske wirkt, folgen automatisierte Nachbearbeitungsschritte: Color Matching passt Hautton und Lichtverhältnisse an die Umgebung an, Blending sorgt für weiche Übergänge an den Kanten des Gesichtsrands.

Wofür Angreifer Deepfakes heute tatsächlich einsetzen

Die technischen Möglichkeiten übersetzen sich direkt in konkrete Angriffsszenarien – vom Umgehen biometrischer Sicherheitssysteme bis zur gezielten Rufschädigung.

Bereich Angriffsziel Beschreibung
Authentifizierung Überwindung biometrischer Systeme Da gefälschte Stimmen und Gesichter mittlerweile teilweise live erzeugt werden können, hebeln Deepfakes digitale Sicherheitskontrollen wie die telefonische Stimmerkennung mühelos aus – dem System fehlt aus der Ferne schlicht der Blick hinter die Kulissen.
Social Engineering Gezielter Betrug Mit täuschend echten Stimmen und Bildern tricksen Betrüger Opfer gezielt aus, indem sie etwa am Telefon den eigenen Chef perfekt imitieren und so blinden Gehorsam bei teuren Überweisungen erzwingen.
Öffentlicher Diskurs Desinformation Gefälschte Videos von Politikern oder Prominenten können im Netz blitzschnell gefühlte Wahrheiten schaffen und so ganze Gesellschaften gezielt täuschen und manipulieren.
Reputation Verleumdung Weil Deepfakes jedem Menschen beliebige Skandale oder Aussagen andichten können, reicht ein einziges gefälschtes Video aus, um den Ruf eines Opfers dauerhaft zu ruinieren.

Wie erkennt man Deepfakes – worauf wirklich zu achten ist

Aufklärung ist die zentrale Gegenmaßnahme: Wer weiß, wie ein solcher Angriff technisch funktioniert, kann Bild-, Video- und Audiomaterial deutlich differenzierter auf seine Echtheit hin einschätzen. Auch heute noch hinterlassen die meisten Deepfakes typische, wiederkehrende Artefakte.

Visuelle Artefakte
Bild & Video
Gesichtsmanipulation
Unsaubere Übergänge an den Rändern des eingefügten Gesichts, sichtbare Nahtstellen oder abweichende Hautstruktur
Durchschimmerndes Originalgesicht in einzelnen Frames, z.B. doppelt sichtbare Augenbrauen am Rand
Verwaschene, unscharfe feine Strukturen wie Zähne oder Augen
Leerer Blick ohne Lidschlag, unstimmige Belichtung, Bildfehler bei starken Seitenprofilen
Akustische Artefakte
Synthetische Stimmen
Voice Cloning & TTS
Metallischer, leicht künstlicher Klang der Stimme
Falsche Aussprache einzelner Wörter, häufig bei fremdsprachigen Begriffen innerhalb eines anders trainierten TTS-Modells
Monotone Sprachausgabe mit auffällig gleichbleibender Betonung

Kein einzelnes Merkmal beweist für sich allein eine Fälschung. Erst die Kombination mehrerer kleiner Unstimmigkeiten – visuell wie akustisch – ergibt ein verlässliches Bild. Bei sicherheitskritischen Entscheidungen sollte technisches Material daher nie die einzige Verifikationsgrundlage sein.

Fazit: Die Hürde ist gefallen – die Wachsamkeit muss steigen

Unser eigener Test zeigt es deutlich: Ein überzeugender Deepfake ist heute keine Frage aufwendiger Spezialsoftware mehr, sondern eine Frage weniger Sekunden Ausgangsmaterial und eines frei zugänglichen Tools. Was früher Hollywood-Studios vorbehalten war, liegt heute im Bereich weniger Klicks – und genau das macht Vishing und andere Deepfake-gestützte Angriffe so gefährlich erfolgreich.

Technisches Verständnis bleibt der beste Schutz: Wer weiß, wie Encoder, Decoder und Lip-Sync-Modelle zusammenspielen, erkennt auch die Grenzen der Technologie – die feinen Artefakte, an denen sich Fälschungen nach wie vor verraten.

Weiterführend zu diesem Thema:

  • Deepfake-Vishing – wie Vishing im digitalen Kanal konkret abläuft
  • Pretexting – wie Legenden bei physischen Angriffen aufgebaut werden
  • MGM-Hack – was Vishing im großen Stil anrichten kann

Würde euer Team einen Deepfake-Anruf erkennen?

Wir testen mit realistischen Vishing- und Deepfake-Szenarien, ob eure Mitarbeiter und Prozesse im Ernstfall standhalten – und zeigen euch im Bericht genau, wo die Lücke liegt.

Erstgespräch anfragen →
Tags // #Vishing #SocialEngineering #Phishing #CyberSicherheit #Deepfake #VoiceCloning #KIBetrug #Stimmklon #Desinformation

© AccessGranted X GmbH